Disteln

Acker-Kratzdistel an einer Straße


Die Acker-Kratzdistel, Cirsium arvense, ist nicht nur auf den Feldern, sondern auch in der Großstadt oft zu finden. Wenn man sich eine kleinen Kolonie von Acker-Kratzdisteln näher ansieht, wird man dort ein emsiges Treiben beobachten können. Unzählige Insekten umschwärmen die unscheinbaren violetten Blütenköpfchen: Bienen und Falter sammeln Nektar und Pollen, Fliegen und Käfer legen dort ihre Eier ab, Schmetterlingslarven nagen an den Blättern und Blattläuse saugen daran. In einer Studie der Universität Bayreuth zählte man über 40 Insektenarten an dieser im Tierreich so beliebten Pflanze. ...


Biene auf einer Acker-KratzdistelUnd der Mensch? Er kann diesem „Unkraut“ nichts Gutes abgewinnen. Schon in der Bibel (1. Mose 3) ist zu lesen: „Verflucht sei der Acker um deinetwillen! ... Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen.“  Mit diesen Worten wurden Adam und Eva aus dem Paradies verbannt. 

An dem schlechten Image dieser Pflanze hat sich bis heute nicht viel geändert. Dies verdankt sie, abgesehen von ihrer Stacheligkeit und Wehrhaftigkeit, ihrer bis zu zwei Meter langen Pfahlwurzel, mit deren Hilfe sie noch an den trockensten Standorten überleben kann. Selbst wenn man sie ausreißt und zerhackt, kann aus dem kleinsten Wurzelstückchen noch eine neue Pflanze austreiben. In der ökologischen Landwirtschaft sind Disteln deshalb wieder zu einem ernsthaften Problem geworden.
 
In Schottland jedoch gelangte die Distel zu hohem Ansehen. Sie ist dort sogar auf dem Wappen zu finden. Im 13. Jahrhundert, als Schottland noch unter den Angriffen der Wikinger zu leiden hatten, wurden die Schotten durch die Schmerzensschreie und Flüche der Wikinger gewarnt, als diese durch ein Distelfeld krochen. Seit dem gibt es den ranghohen “Order of the Thistle”, den Distelorden, dem sogar das Königshaus angehört. Christian Andersen griff diese Geschichte auf. In seinem Märchen “Was die Distel erlebte” gewinnt ein Prinz die Liebe einer schottischen Prinzessin mit Hilfe einer Distel.

 

Wappen SchottlandÜber der Inschrift
"Nemo me impune lacessit"
(Niemand reizt mich ungestraft.)
erkennt man mehrere Disteln.

 

 

 

 

 



Unter den vielen Distelarten gibt es ausgesprochen schöne, dekorative Sorten. Besonders fällt die bis zu 3 m hohe Eselsdistel (Onopordum acanthium) auf, eine imposante zweijährige Pflanze, die hin und wieder auch an Bahndämmen wächst. Auch die Eselsdistel ist, wie alle Distelarten, bei der heimischen Insektenwelt äußerst beliebt. Hier sehen wir eine Hummel, die genüsslich ihren Rüssel tief in eine der Röhrenblüten eintaucht, um an den Nektar zu gelangen.

Hummel auf Eselsdistel, Foto: Elke Behrends

In den USA bringt man dieser stattlichen Pflanze - anders als in Schottland - weniger Wohlwollen entgegen, denn dort hat sie sich als Neophyt aus Europa stark ausgebreitet und zu einem Problem in der Landwirtschaft entwickelt. Sie wird dort als “nonnative, known invasiv, legally controlled” eingestuft und in der Liste der invasiven und schädlichen, nicht heimischen Unkräuter geführt, die mit chemischen Mitteln bekämpft werden dürfen.

Darüber hinaus sind Disteln jedoch sehr dekorativ und besitzen auch kulinarische Qualitäten. Die Blütenköpfe der Artischocke, einer großen Distel-Art, gelten als Delikatesse. Eine neue Variante in der Wildgemüse-Küche sind die gedünsteten, leicht nussartig schmeckenden Knospen der Acker-Kratzdistel. Auf der Suche nach immer neuen Geschmackserlebnissen liegt die Wildgemüseküche auch bei Spitzenköchen zur Zeit voll im Trend. Doch sollte man besser darauf verzichten, auf einer Verkehrsinsel für das Abendessen zu sammeln. An Widerstandskraft gegen Umweltgifte sind wir den Disteln leider weit unterlegen.